Kafka goes Tiefgarage 05.01.2011
Das „Doppelte Doppelte“, also das Donauzentrum, ist kein Doppeltes mehr, sondern ein Vierling. Es wurde von seiner bisherigen Verdoppelung noch einmal quadriert und ist heute viermal so groß wie zu seinen Anfängen.
Ich mag Einkaufszentren. Wahrscheinlich mag ich Einkaufszentren aus demselben Grund, warum ich Venedig so liebe: es fahren dort keine Autos. Flanieren, Shoppen, irgendwo einen Kaffee trinken, alles ohne allzu viel Lärm und ohne die Perspektive, von einem testosterongeschwängerten Polofahrer zu den Klängen von irgendeinem Rapper auf 130 Dezibel und verbotenen Substanzen als Kühlerfigur ausgeborgt zu werden – ich mag das. Vielleicht ist der Vergleich der SCS mit Venedig etwas vage, aber das Publikum ist ja auch eher dasselbe, nur die Kulissen sind ein wenig verschieden. „Alle Städte sind gleich, nur Venedig ist ein bisserl anders“ wusste schon die Tante Jolesch.
Nun, alle Shopping-Centers sind gleich, nur das Neue Donauzentrum ist ein bisserl more. Eine weitere Parallele zwischen Venedig und einem EKZ ist, dass die meisten mit einem Auto hinfahren. Bei Venedig ist das so etwas wie ein nicht bestandener Intelligenztest, wie ich in meinem (inzwischen über 100.000mal angeklickten ;-) Venedig-Führer (http://tinyurl.com/34ldm9n) schon erklärt habe: wer zahlt für sein Anreiseutensil in der Garage auf der Piazzale Roma gerne noch einmal pro Nacht so viel wie für ein weiteres Bett in einem Hotel?
In Einkaufszentren kann man die ersten zwei, drei Stunden sogar gratis parken. Auch im Donauzentrum. Ich möchte das an dieser Stelle dezidiert empfehlen: es ersetzt nahtlos einen Abend im Simpl, man braucht gar nicht auszusteigen, bewaffnet sich mit einem Kübel Popcorn und einem Eimer Cola und genießt das Spektakel. In Zeiten, in denen das Fernsehen nicht einmal mehr zu Wünschen übrig lässt und in Ermangelung an Langeweilemangel Trommelkurse gegen vaginale Trockenperioden Zulauf haben, ist das DZ DER Hammer.
Fährt man in die neue mehrstöckige Tiefgarage (1.100 Plätze!), fällt dem Besucher nach dem Abstellen beim Verlassen des Wagens zuerst auf, dass die Parkplätze nicht gekennzeichnet sind. Kein Farbleitsystem, keine Buchstaben oder Ziffern, nichts. Angesichts der Größe der Tiefgarage empfiehlt sich also die Mitnahme
- eines Kompasses
- einer Wegzehrung
- und einer großen Handvoll Kieselsteine („Ave Zenturio, Ihr habt viele viele Kieselsteine verloren, ich habe sie alle für Euch aufgelesen“, Asterix, Tour de France)
Betritt man einen der Aufzüge, stellt man dankbar fest, dass dieser nicht nur zum Beispiel Parkhaus Drei (P3), sondern auch Parkhaus Zwei (P2) bedient. Das ist schön.
Man fährt also ins Shoppingparadies, und wenn man, wie ich, ohne Sicht des Himmels schon in einer Telefonzelle die Orientierung verliert, taucht man ein in die verwirrende Welt des Konsums. Dem abzuhelfen gibt es digitalisierte Übersichtspläne, auf denen man per Touchscreen sein Ziel orten und sich den Weg anzeigen lassen kann. Ich stand in einer gigantomanischen Halle, die links und rechts jeweils ein paar hundert Meter Geschäfte erahnen ließ. Mit Blick auf den Giant-Flat-Screen wurde mir bekannt gegeben, dass mein Ziel „hundertzwölf Meter geradeaus und dann links“ läge. Zehn Meter geradeaus war die Wand. Da ich nur raten konnte, ging ich (falsch) links und verbrachte ein genüssliches Stündchen spazierend, umgeben von einer Myriade Menschen, die ihre Geschenk gewordenen Zumutungen umtauschen wollten.
Irgendwann war es Zeit für die Fortsetzung meiner Reise, also machte ich mich auf den Weg zum Auto. Im Aufzug wurde ich Teil einer fröhlich diskutierenden Raterunde: Das Untergeschoß heißt nämlich P1, das darunter P2, das Erdgeschoß EG, aber die Parkhäuser eben P2 und P3. Nun gab es unter uns aber tatsächlich Menschen, die nicht mehr genau wussten, ob sie ins P2 des P3 oder ins P1 des P2 wollten. Die Stockwerke ebenso zu benennen wie die Destination, nur eben mit verschiedenen, gegebenenfalls natürlich vom Stockwerk vollkommen unabhängigen Bezeichnungen – das hat was. Das war tatsächlich schon so jenseits, dass keiner meiner Schicksalsgenossen übelgelaunt reagierte, sondern alle bloß breit grinsend ehrlich gespannt waren, wohin die Reise führen würde. Was bei einem Aufzug zumindest bemerkenswert ist.
Kam man dann zu guter Letzt in ein bekannt erscheinendes Parkgeschoß, stellte sich ein klitzekleines Problem: es gibt in den Parkgeschoßen keine Kassenautomaten. Also wieder hinauf ins EG. Dass abwechselnd immer einer der Aufzüge die Tür nicht zukriegte, worauf ein Häufchen Kichernder ausstieg (dann schloss die Türe IMMER, ich habe das mehrmals gesehen, und es ging weder um Überlastung noch um Lichtschranken), gab dem Ganzen noch ein wenig Esprit.
Irgendwann hatte Jede(r) seine frei gemachte Parkkarte und landete in einem Parkgeschoß, in dem viele viele fröhliche Menschen auf Autosafari waren: „Da drüben, ich bin mir ganz sicher! – Na, der BMW wär‘ mir aufg’fallen“ (der Glaube des Menschen an Kontinuität ist elementar). - "Hier war'ma scho." *Blink-Piep* - „Wo war das jetzt?“
Man traf einander dort, im P1 des P3 des DZ, wie eine Gruppe Verschworener wieder, die einer übel wollenden Höheren Macht ausgeliefert augenzwinkernd als Schicksalsgenossen den Wirrnissen der Absurdität begegnet. Kafka goes Tiefgarage.
Der Vollständigkeit halber hier noch eine Pressemeldung von kurz nach der Eröffnung, damit klar ist, dass nicht nur für Schenkelklopfen, sondern auch für Suspense gesorgt ist:
Gefährlicher Stau in Donauzentrum-Tiefgarage31.10.2010 | 15:52 | (DiePresse.com)
Weil Autofahrer die Motoren laufen ließen und die Garagenlüftung falsch eingestellt war, kam es zu einer stark überhöhten Kohlenmonoxid-Konzentration. Die Feuerwehr rückte an. Verletzt wurde aber niemand.Venedig kann einem viel bieten. Das nicht.